Vor und während des Nationalsozialismus lebte in Dertingen die jüdische Familie Schwarzschild mit den Eheleuten Adolf Schwarzschild (* 1882, Dertingen), seiner 2. Ehefrau Sophie, geb. Brückheimer (* 1881, Külsheim) und den Kindern aus Adolfs erster Ehe mit Dina, geb. Berney (1882, Karbach – 1928). Dies waren Erika Schwarzschild (* 1913, Dertingen) und ihre jüngere Schwester Hilda (* 1918, Dertingen – 2007, USA). Ausführliche Lebensgeschichten dieser vier Personen finden sich im Wertheimer Gedenkbuch 2025, Band 1, S. 427-434 (Erika), Band 2, S. 275-282 (Eheleute Adolf & Sophie) sowie Band 3, S. 87-90 (Hilda). Das dreibändige Werk kann in jeder Buchhandlung erworben, z.B. in der Stadtbibliothek Wertheim ausgeliehen oder hier als Digitalisate heruntergeladen werden: verlag-religionundkultur.de.
Foto 1, Sigrid Arzuman, 2011. Fotos der Ermordeten liegen vor der ehemaligen Schmiede in Dertingen aus. Zum ersten Mal werden in Dertingen bei der Verlegung von Stolpersteinen 2011 die Gesichter der ermordeten Mitglieder der Familie Schwarzschild sichtbar. Besonders Erika (links) war in Dertingen sogar als Person weitgehend in Vergessenheit geraten.
Erika war im Nationalsozialismus wohl nervenkrank geworden und wurde im Rahmen der NS-„Euthanasie“-Verbrechen 1941 in Hadamar ermordet. Die Eltern Adolf & Sophie wurden mit insgesamt 19 Wertheimer bzw. 6.500 Badener Juden am 22. Oktober 1940 in das Konzentrationslager Gurs nach Südfrankreich verschleppt und im August 1942 von dort weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo beide ermordet wurden. Tochter Hilda emigrierte bereits 1935 nach England, heiratete in London den Wertheimer Max Brückheimer und beide flohen 1941 weiter in die USA. Mit der Ermordung bzw. Flucht der Familie Schwarzschild wurde das über Jahrhunderte währende jüdische Leben in Dertingen gewaltsam ausgelöscht.
→ PDF-Datei: Geschichte der jüdischen Gemeinde Dertingen
2011 wurden in Dertingen Stolpersteine für die ermordeten Mitglieder der Familie Schwarzschild verlegt. Unter anderen Bewohner Dertingens, der damalige Ortsvorsteher Egon Beuschlein, der damalige Wertheimer Stv. Oberbürgermeister Bernd Hartmannsgruber, der damalige evangelische Ortspfarrer Bernhard Ziegler und eine Angehörige aus den USA haben diese Feier ideell unterstützt.
Foto 2, Dieter Fauth, 2011. Bei der feierlichen Verlegung der Stolpersteine für Familie Schwarzschild, hier vor der ehemaligen Schmiede Adolfs. Sigrid Arzuman, geb. Beuschlein, erzählt gerade aus dem Leben der Familie Schwarzschild und berichtet auch über persönliche Beziehungen zwischen ihrer Familie Beuschlein und Familie Schwarzschild bis 1940. – Foto: Dieter Fauth, 2011.
Mit dieser Verlegung hat Dertingen Teil an dem weltweit größten dezentralen Mahnmal für die Verfolgten des Nationalsozialismus. Stolpersteine liegen weltweit in mehr als 30 Ländern und ca. 1900 Kommunen. Allein in Deutschland sind derzeit ca. 120.000 Steine verlegt. Sie sollen vor dem letzten Wohnort der Ermordeten die Katastrophe sichtbar machen und zum Nachdenken über Damals und Heute anstoßen.
Seit 2014 wird von Schülern Wertheimer Schulen an den Stolpersteinen ein jährlicher Erinnerungsdienst abgehalten. Dabei stehen die Schüler für eine Stunde an den Stolpersteinen, um mit Passanten und Bewohnern, die aus diesem Anlass die Stolpersteine aufsuchen, ins Gespräch zu kommen. Die Schüler bringen selbst angefertigte Plakate mit den Fotos und den Lebensgeschichten der Ermordeten mit. Die Plakate bleiben dann, vielleicht geschmückt mit einer Blume, drei Tage an den Steinen liegen, um gelesen zu werden. Träger des Projektes Stolpersteine ist die Stadt Wertheim, womit gezeigt ist, dass die Erinnerung an den Holocaust eine öffentliche Aufgabe ist. Die Mitarbeitenden im Projekt sind sehr dankbar, dass während all den Jahren Oberbürgermeister Stefan Mikulicz, Bürgermeister Wolfgang Stein und aktuell Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez sowie ihre Stadtverwaltung diese Initiative voll umfänglich unterstützen.
Foto 3, Dieter Fauth, 2021. Erinnerungsdienst 2021, gestaltet von Schülern der Werkrealschule Urphar-Lindelbach und besucht von Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez. Die zu sehenden, von den Schülern gestalteten Plakate mit den Fotos und Lebensgeschichten der Ermordeten bleiben nach dem Erinnerungsdienst drei Tage vor Ort an den Stolpersteinen liegen und stoßen teils auf reges Interesse der Bewohner Dertingens.
Dieser Erinnerungsdienst, der an vielen Stolpersteinen in Wertheim und seinen Eingemeindungen abgehalten wird, findet immer im Oktober / November statt, also um das damalige Deportationsdatum vom 22. Oktober. Er wird immer in den Wertheimer Zeitungen und hier in der Dertingen-App angekündigt. Mit diesem Erinnerungsdienst möchten sich alle Teilnehmenden – Schüler und Bewohner – dafür einsetzen, dass solch ein Verbrechen nie wieder geschieht und Frieden sowie Demokratie bestehen mögen.
Dieter Fauth, Leiter des Wertheimer Projektes Stolpersteine